Vom Farbcode #93629B, dem gemeinen Flieder und Lila.

Im Rascheln des Schilfs glaubten die Griechen einst die Stimme einer Nymphe zu hören. Syrinx, eine Flussnymphe, wurde der Sage nach auf der Flucht vor dem Gott Pan in Schilfrohr verwandelt, um seinen Nachstellungen zu entgehen. Als der Wind durch die Halme strich und eine leise Melodie hervorbrachte, schnitt Pan einige von ihnen ab und schuf daraus seine Flöte. Fortan trug sie den Namen der Nymphe: Syrinx.*

Quelle: Walter Crane

Das erste Mal kriecht das Thermometer Richtung 30 Grad dieses Jahr.

Das erste Mal draußen frühstücken.

Das erste Mal Affogato.

Das erste Mal nach dem Duschen mit der wunderschön duftenden Apres Sun Lotion eincremen.

Es ist der perfekte Start des Sommers.

Die letzten violetten Rhododendren blühen und der Geruch von Flieder liegt in der Luft. Überall leuchten die verschiedenen Violetttöne um die Wette - Akelei, Allium oder auch Witwenblumen. Wenn der Geruch des Flieders schon nicht zu übertreffen ist, wollen alle zumindest farblich mit Syringa Vulgaris, dem gemeinen Flieder, mithalten. Betört von dem wundervollen Geruch kann ich nicht anders als Flieder zu meiner Sommerfarbe zu küren.

Quelle: Anna-Lena Meyer

Doch was hat Flieder mit der Nymphe Syrinx zu tun?

Mehr als man zunächst vermuten würde. Der botanische Name des Flieders lautet Syringa – abgeleitet vom griechischen syrinx, dem Rohr, aus dem Pan seine Flöte fertigte. Auch die hohlen Zweige des Flieders wurden einst zu Flöten verarbeitet und sollen besonders schön geklungen haben. So verbindet die Pflanze nicht nur ihr Name mit der alten Sage, sondern auch ein leiser Nachhall ihres Klangs.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird der betörende Geruch allerdings ebenfalls zur Namensgebung beigetragen haben.

Vielleicht ist es auch genau diese Mischung aus Duft, Klang, und Mythos, die den Flieder selbst so besonders macht. Denn lange bevor er einer Farbe seinen Namen gab, war er bereits Träger einer Geschichte von Sehnsucht, Verwandlung und dem Versuch, etwas Flüchtiges festzuhalten.

Als Farbe wird Flieder dann viele Jahrhunderte später das erste Mal erwähnt. 1766 verlässt Flieder die Flora und findet zunächst Erwähnung in der Fauna, um die Kehle der kleinen Gabelracke zu beschreiben. Kurze Zeit später schon (1775) wird Flieder (engl. Lilac) in England offiziell als Farbe anerkannt und gewann stetig an Beliebtheit. Vorerst bei trauernden Witwen, die mit Flieder- oder Lavendelfarbenen Kleidern, den Verlust ihrer Liebe zum Ausdruck brachten, doch was den Flieder anbetraf blieb es nicht lang dabei.

Parallel dazu etablierte sich nämlich Anfang des 19. Jahrhunderst unter der Bezeichnung French Lilac ein mittlerer bis dunkler Violettton, der primär für die Innenraumgestaltung vorgesehen war und von da an gab es kein halten mehr. Flieder war aus der Einrichtung nicht mehr wegzudenken.

Quelle: Atelier ND Interior

Doch über welche Farbe reden wir hier eigentlich genau?

Flieder ist bläulicher als Purpur, aber rötlicher als Veilchenviolett.

Oft werden Lavendel und Flieder verwechselt, allerdings ist Lavendel viel kühler als Flieder und auch etwas blasser beziehungsweise pudriger. Tatsächlich ist Flieder - wer hätte es gedacht - Lila. Mit der Zeit wurde Lila zwar ein Synonym für das allgemeine Violett, aber ursprünglich beschrieb Lila ausschließlich Flieder.

Obwohl, wie bereits erwähnt, nicht ganz so pudrig, wird Flieder trotzdem eher als eine sanfte Farbe wahrgenommen, was ihren Einsatz so einfach gestaltet. In Kombination mit Olivgrün wirkt sie besonders angenehm und natürlich, während sie gepaart mit warmen Farben den Raum zum Leuchten bringt. Besonders interessant wird es, wenn man Flieder oder Lila mit anderen Violetttönen kombiniert. In der Theorie kann man bei Flieder tatsächlich nicht viel falsch machen, denn wir reden hier über eine eher zurückhaltende Farbe, die erstaunlich vielseitig ist. Diese Anpassungsfähigkeit an verschiedenste Designkontexte macht Flieder zu einer stilvollen und zugleich zeitlosen Wahl in der Welt des Interieurs.

Quelle: Eva Sonaike

Und gerade weil das der Fall ist, möchte ich hiermit ermutigen, das Weiß an den Wänden zu überdenken und es vielleicht mal mit Flieder zu probieren. Es gibt auch viele tolle Mustertapeten in Flieder, die den Raum nicht zu weiblich wirken lassen. Fangen Sie einfach im Bad an und arbeiten Sie sich langsam vor, denn mir will partout kein Raum einfallen, zu dem Flieder nicht passt. Viel Spaß dabei und schnuppern Sie ruhig mal am Nymphenstrauch, so lange er blüht, denn wie die Nymphe selbst ist auch die Blüte des Flieders äußerst flüchtig. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen, warmen Sommer.

Wenn Sie generell gerne mehr lesen wollen: Alle 3 Monate schreibe ich hier zu Themen wie Design, Saisonfarben oder eben auch über Nymphen und Panflöten.

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* Ovid, Metamorphosen, Buch I, Verse 689–712.
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Vom Farbcode #FFA66B, französischen Aprikosen Tartes und pudrigen Narzissen